Gestern und heute fand das
IIR-Forum Business Process Management in Mainz statt.
Zum siebten Mal trafen sich BPM-Verantwortliche aus Fachbereichen und IT. Wie schon im Jahr zuvor hatten die Beiträge eine sehr hohe Qualität. Besonders hervorzuheben ist die augeprägte und konstruktive Diskussionskultur. Tagungsleiter Thomas Olbrich gelingt es immer wieder eine Atmosphäre zu schaffen, die ausführliche, offene und kritische Diskussion fordert und fördert. Ein wohltuender Unterschied zu anderen Hochglanz-Veranstaltungen, in den sich eine "Success Story" an die nächste reiht und der Zuhörer sich die Augen reibt, wie toll es doch in allen anderen Unternehmen anscheinend läuft.
Inhaltlich herausheben möchte ich 2 Aspekte.
Auch dieses Jahr fand das Thema Organisationskultur und nicht zuletzt, was das BPM von Wiki und Co lernen kann, großen Raum und viele Diskussionsbeiträge. Sehr erfreulich: Mein Vortrag aus dem letzten Jahr zum
Wikimanagement im BPM hat in mindestens einem der teilnehmenden Unternehmen zu einen umfassenden Einsatz von Wikis geführt: Nach anfänglicher Skepsis hat einer der großen Automobilhersteller Wikis auf Basis von Confluence in das bestehende Prozessportal integriert. Diese bieten auch durch vorgefertigte Templates Unterstützung. So gibt es etwa Templates für das Projektmanagement.
Und das Thema wird super angenommen. Die Mitarbeiter arbeiten intensiv mit den Wikis. Es gibt inzwischen mehrere tausend Einträge, die aktiv weiterentwickelt werden.
Spannend auch: Im Plenum wurde das Thema Grassroot-BPM immer wieder aufgenommen und diskutiert.
Ein weiteres Thema, das heiß diskutiert wurde, war die Verknüpfung und das Zusammenspiel der verschiedenen Sichten auf den Geschäftsprozess.
Thomas Allweyer zeigte, dass eine ansprechende und praktikable fachliche Prozessmodellierung (bspw. per BPMN oder EPK) viele Aspekte nicht berücksichtigt und auch nicht berücksichtigen kann, die bei der anschließenden Umsetzung in eine lauffähiges technisches System unbedingt notwendig sind.
Damit hat Thomas Allweyer deutlich gemacht, dass eine Umsetzung per Knopfdruck vom fachlichen Modell in die Anwendung so einfach nicht oder nur sehr begrenzt funktioniert.
Hier der Link auf seinen Beitrag.
Folgt man diesen Überlegungen so ergibt sich, dass wir noch lange Zeit neben den fachlichen Modellen technisch orientierte Modelle haben werden. Es stellt sich die Frage, wie man die laufende Weiterentwicklung der Modelle mit den jeweils unterschiedlichen Perspektiven sinnvoll vorantreibt, ohne den Zusammenhang zu verlieren.
Diese Herausforderung verschärft sich durch einen weiteren Aspekt:
Die meisten Teilnehmer stimmten überein, dass auch bei definierten unternehmensweiten Methoden und zentraler Modellierungsinfrastruktur sich fast immer unabhängige Inseln mit Prozessmodellen oder Prozesswelten entwickeln - und wenn dies nur die kleinen Prozessskizzen in PPT oder Excel sind, die das tägliche Tun aus der Sicht der einzelnen Mitarbeiter beschreiben und unterstützen.
Im Sinne eines Wikimanagement-Ansatzes sind diese Modelle natürlich wertvolle Schätze, die unmittelbares und praxisnahes Wissen bedeuten, und somit eher gefördert als verhindert werden sollten.
Aber wie lassen sich all diese Welten integrieren? Wie kann das wertvolle Wissen der Prozessmodell-Inseln sinnvoll und synergetisch zusammen mit den Fach-Prozessmodellen verknüpft werden, die zudem auch - wie gesehen - nicht identisch sind mit den technisch orientierten Modellen?
Vielleicht gibt uns hier Davenports 'Include Pointers to People' einen wichtigen Hinweis. Davenport hat vor längerer Zeit die Grenzen der Dokumentation des Wissens erkannt. Im Gegensatz zu vielen anderen Wissensmanagement-Experten, die das alleinige Heil in technischen Wissensmanagement-Systemen suchten, empfahl er, zu akzeptieren, dass nicht alles Wissen erfasst werden kann, und daher ein sinnvolles Zusammenspiel mit personenbezogenem Wissen unerlässlich ist. Die Basis dafür sind eben 'Pointer to People'
Dieser Ansatz lässt sich vielleicht auch auf das Zusammenspiel der Modelle übertragen. Wenn wir eine einheitliche und durchgängige Modellierung nicht erreichen können bzw. wollen, so helfen vielleicht 'Pointer', also Querverweise zwischen den Prozessen, auf ein drohendes Auseinanderdriften aufmerksam zu machen bzw. Abstimmungsbedarf zu erkennen.
Schnell wird sich in der Praxis die Frage stellen, welches überhaupt die Prozesse der Realität sind, auf die sich die Modelle beziehen. Was passiert bei Varianten oder unterschiedlichen Segmentierungen ...?
Gleichwohl denke ich, dass ein derartiges Mapping ein interessanter Ansatz ist, mit dem die unterschiedlichen Modelle (zentrale fachliche Prozessmodelle, dezentrale Prozessmodelle und technische Modelle) des selben Sachverhaltes zusammengehalten werden können und Abstimmungsbedarfe deutlich werden können!
Geht man - wie ich - davon aus, dass wir nicht bei allen Prozessen auf eine eng strukturierte, zentral gesteuerte Prozessmodellierung verzichten können, so ist dies ist eine der zentralen, nicht zu unterschätzende Herausforderungen, will man ein Wikimanagement-BPM in der Praxis ermöglichen!
P.S. Hier noch die Links zu den von mir auf der Konferenz gehalten Vorträge zur
BPM-Umfrage und zur
atmenden BPM-Organisation.